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Zwischen den Stühlen

Eigentlich ist ein Stuhl etwas sehr Alltägliches, würde man meinen. Ein Außenskelett, das es uns ermöglicht, behagliche Positionen einzunehmen, die wir ohne Stütze nur wenige Minuten bequem finden würden – eine Stützkonstruktion die uns eine gewisse Bequemlichkeit verspricht.sitzgruppe1
Sitzen Sie gut? Spätestens seit dem Interview mit der wiener SITZgruppe sind wir sensibilisiert, wie sich gutes, angenehmes Sitzen anfühlen sollte. Ein gutes Sitzmöbel hängt von vielen „Schichten“ ab und der Aufbau will gelernt sein.

Eine Gruppe von JungmeisterInnen der Tapezierer und Dekorateure, mit unterschiedlichstem Background, hat sich formiert und macht es sich unter dem Namen „wienerSITZgruppe“ zur Aufgabe, ökologische, nachhaltige Produkte, verbunden mit einer modernen Sitzkultur, auf unterschiedliche Weise zu entwickeln. Gemeinsam wollen sie ihre Idee von einem modernen Gewerbe verwirklichen. Nachdem es kaum mehr Lehrstellen für den Zweig Polsterei gibt, kommen die Menschen über die vielfältigsten Wege zu diesem Beruf. Sie, haben sich übrigens alle beim Vorbereitungskurs für den Meisterlehrgang der WKO kennengelernt.

Was bedeutet das für den Kunden? Was bedeutet das für das Handwerk selber? manufakturLab hat sich mit Alice Egger und Ida Divinzenz getroffen und sich mit ihnen über ihre Beweggründe und Visionen unterhalten.

In der Werkstatt war dann auch gleich das Tagesprojekt – eine bis auf das Skelett reduzierte Sitzbank – zu bewundern und ein Eindruck zu gewinnen, wie zeitintensiv alleine der Prozess der Zerlegung ist. „Da kommt es immer wieder vor, dass ich acht Stunden nur Nägel herausziehe“, so Egger.sitzskelett
Ida Divinzenz kommt aus einem klassischen Familienunternehmen für Tapezieren und Dekoration, hat Kunst studiert und war auch als Künstlerin tätig. Wie es ist, in das elterliche Unternehmen zurückzukehren und wie sich zwei unterschiedliche Zugänge verbinden lassen, hat uns besonders interessiert.
„Da ich ja in diesem Betrieb groß geworden bin und das Gewerbe auch praktisch erfahren habe, war ein Grundinteresse an diesem Handwerk immer vorhanden und im Laufe der Zeit ist das Bedürfnis aktiv einzusteigen stärker geworden. Mit den Jahren hat sich in unserem Familienbetrieb der Firmenfokus etwas verschoben und ging immer mehr in den industriellen Bereich über.
Mein Bruder führt jetzt auch den „Industriepart“ und ich widme mich dem klassischen Handwerk der Polsterei. Wir sind faktisch zwei Firmen in einem Unternehmen, wir ergänzen uns jedoch positiv und durch das Potential des gemeinsamen Wissens, ergeben sich neue Perspektiven für beide Seiten. Das ist unbedingt notwendig, um auch dem Preisdruck, der von allen Seiten kommt, zu begegnen. Ich denke es ist auch eine neue Zeiterscheinung, dass Industrie und Handwerk wieder enger zusammenarbeiten“,
so Ida Divinzenz.

Alice Egger hingegen ist Autodidaktin und kommt ursprünglich aus dem Finanzbereich. Sie sieht ebenfalls die Veränderung des Gewerbes und es ist ihr ein Anliegen etwas zu unternehmen. Sie findet es wichtig, dass die Kunden den Prozess nachvollziehen können. Das klassische Tapezieren besteht aus Schichten und jede Schicht muss immer wieder fixiert werden. Dieser Aufbau lässt sich ganz gut zeigen. Im Unterschied zur „modernen Technik“, bei der nur eine Lage verwendet wird, nämlich Schaumstoff, übrigens auch bei teuren Designermöbeln. Sie lässt die Leute daher gerne probesitzen, damit sie den Unterschied spüren. „Wir kennen das gute Sitzen ja gar nicht mehr. Ich bezeichne das immer als Schmerzsitzen – von jeglichem Genuss sind wir da weit weg.

Traditionell war auch immer der Stoffhandel mit dabei.Ein zusätzlicher Stoffhandel ist sehr kostenintensiv und auch platzmäßig nicht machbar. Im Zeitalter von Social Media, Internet, stellt sich sowieso die Frage, ob es das klassische Stoffbuch noch braucht. Es gibt mittlerweile Stoffhersteller, die eine Software anbieten, mit deren Hilfe der Stoff direkt am Möbelstück angesehen werden kann. Es stellt natürlich eine Herausforderung für den Kunden dar, sich damit anzufreunden, denn im Shop sieht er das fertige Produkt; bei uns muss der Kunde ein sehr gutes Vorstellungsvermögen haben oder vertrauen können. Allein die Unsicherheit, passt der Stoff, ist es die richtige Farbe usw., wir werden da ja auch nicht geschult.“
Was Alice Egger aber gerne anbietet ist, Ihre Kunden beim Stoffkauf zu beraten und zu begleiten. sessel1
Aber nicht nur der Stoffhandel verschwindet immer mehr. Über die Jahre, ist das Möbel tapezieren, das Polstern, immer mehr verschwunden und an dessen Stelle ist das Bodenlegen und Malen als Hauptgeschäftszweig der Betriebe gerückt. Das ist auch insofern interessant, da Tapezierer und Dekorateure lange Zeit dem höheren Gewerbe zugeordnet waren und eine eigene Innung stellten. „Jetzt sind wir unter die Maler gerutscht, was natürlich auch auf die geringe Zahl der Ausübenden zurückzuführen ist. Die Bodenleger haben nun hingegen eine eigene Vertretung und das zeigt oder beeinflusst natürlich die Wertigkeit eines Handwerkes mit“, so Ida Divinzenz.

Können zeitgenössische Möbel auch ohne Schaumstoff und Plastik auskommen? Was kommt alles aus dem 3D-Drucker? Wie könnten neue digitale Technologien das traditionelle Handwerk der Tapeziererinnen und Tapezierer/Dekorateurinnen und Dekorateure revolutionieren? Und welchen Stellenwert haben ökologisch nachhaltige Materialien dabei?

Beide Handwerkerinnen sind verwundert, dass die moderne Polsterei, wie die Schaumstofftechnik unserer Vatergeneration genannt wird, noch funktioniert. Für sie ist die Schaumstoffmethode nicht mehr 1:1 übernehmbar. Das Material Schaumstoff hält max. 10 Jahre und zerbröselt dann. „Die klassische Variante funktioniert noch immer und ist auch „einfach“ zu reparieren. Zum Beispiel ein Biedermeiermöbel, das ist reparierbar und hält, wenn es sorgfältig gemacht wird, locker noch einmal 150 Jahre. Da stellt sich uns die Frage, was können diese modernen Mischungen wie Polyestergemisch, Polyamidgemisch? Es ist eine Herausforderung, was wirklich funktioniert. Theoretisch könnte man alles zurückrecyceln, aber keiner tut es. Da haben wir jetzt zwei große Wege vor uns, sehr spannend.“sitzinnenleben
Ein weiterer Punkt mit dem sich der Verein wienerSITZgruppe beschäftigt, ist die fehlende Öffentlichkeitsarbeit. Ausserdem welche neuen Ansätze gibt es, zum Beispiel, Federkern und Rosshaarauflage versus 3D-Druck. Lily van Dall, eine Produktdesignerin experimentiert gerade damit, ob es möglich ist, ein komplettes Möbelstück mittles 3D-Druck zu produzieren, was allerdings dann wieder Richtung Serienproduktion, klassisches Design geht, aber durchaus auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Eine Frage, der sie sich stellen, ist, was gibt es für alternative Möglichkeiten für das Handwerk in Richtung Nachhaltigkeit gibt. Was wird wie produziert, was können die Handwerker_innen beeinflussen, oder wie sieht es mit Wissensvermittlung aus? Gemeinsam wollen sie ein-, zweimal im Jahr gezielt diese Fragen aufwerfen und auf breiter Ebene diskutieren.

Die Industrie heftet sich ja auch gerne Begriffe wie nachhaltig und ökologisch aufs Revers, sie erklärt lang und breit ihre Schwierigkeiten und was schon alles ökolgisch gemacht wird, aber man müsse halt doch noch auf Rohöl zurückgreifen…
Ida Divinzenz hat auch gleich ein Beispiel parat: „Ja, da gibt es dann Firmen die z.B. Aluminiumkapseln erzeugen und wieder zurückrufen und dafür 100 Abzeichen und Stempel bekommen oder z.B. ein bekannter Papierkonzern der auch auf Nachhaltigkeit setzt, dann aber werden 500 Menschen pro Jahr abgebaut (von ca. 12.000).“

Daher ist es für den Verein Wiener Sitzgruppe ein Ziel, Firmen und Sparten zu finden, die nach ihren Kriterien arbeiten und damit in ihren Produktionsprozess einzubinden. „Auch die Überlegung, was bringen wir in den Kreislauf, ohne dass es dabei gleich um völlig neue Ideen gehen muss (wobei wir durchaus bereits einige innovative Ideen haben…), ist es für uns wichtig. Wenn uns das gelingt, dann haben wir schon viel geschafft“, sind sich die Handwerker_innen einig. (Anmerkung der Red. – Das Textile Zentrum Haslach wäre eventuell ein interessanter Kooperationspartner). Die Zusammenarbeit mit anderen und das Übergreifende Arbeiten sind bereits jetzt wichtige Elemente ihres Arbeitsalltags. Allice Egger hat ihre Werkstatt zusammen mit einer Tischlerin und gleich nebenan, nämlich das Werk, ein überaus spannender junger Tischlerbetrieb, und bei Ida Divinzenz kommt das Netzwerk aus der Kunstecke.sesselgroup_back
Eine besondere Konstellation bietet die Vielfältigkeit der wienerSITZgruppe. Jeder und Jede hat sich eine andere Strategie überlegt, wie gelebtes Handwerk auch wirtschaftlich sein kann.
Ida Divinzenz arbeitet konträr zum Familienbetrieb und teilt sich gemeinsam mit Elisabeth Degischer die Werkstatt. Degischer hat sich an verschiedensten Orten der Welt im Bereich Polsterei Know-how erworben und bringt damit dieses internationale Wissen und vielfältigste Techniken in die Gruppe ein. Doris Brandner hat den Familienbetrieb übernommen, baut auf einem „guten“ Kundenstock auf und hat sich bewusst zusätzlich auch für den Handel entschieden. Doris Krenn wiederum hat einen bestehenden Betrieb übernommen, was gar nicht einfach war und ein hohes Risiko in sich birgt. (Die Preise sind oft sehr hoch und es besteht keine Garantie, dass die alten Kunden bleiben, was gerne als Argument für den Ablösepreis angeführt wird). Und Bernhard Vock, ist ausgebildeter Gesundheitswissenschaftler, ist ein Rück-und Quereinsteiger in den Berufstand der Tapezierer + Dekorateure und führt so die Familientradition weiter.

Vielen Dank an die wienerSITZgruppe!

Kontakt: wienerSITZguppe

Fotocredit: wienerSITZgruppe, bluezebra.at

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu “Zwischen den Stühlen

  1. Pingback: Berichte über Sit-In - Sit-In

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