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Der neue Wiener Geigenbau

Sie nennen sich Violin Craft Vienna und lassen mit einem wunderbaren Projekt aufhorchen: Eine Gruppe Wiener GeigenbauerInnen hat sich zu einer Interessensgemeinschaft zusammengeschlossen, deren Ziel es ist, den hochwertigen Geigenbau auf eine einladende und verständliche Art und Weise zu präsentieren, sowie den Informationsaustausch unter FachkollegInnen anzuregen – auch weil sie sich von den bestehenden Standesvertretungen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Mit Quartett gebaut gehört, einer Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Wiener Konzerthaus, wurde ein vollkommen neues Format der Vermittlung von Musik und Handwerk entwickelt.
usa_stietencron5Wir haben Usa von Stietencron, einen der Initiatoren von Quartett gebaut gehört, zum manufakturLab Interview getroffen und sind eingetaucht in eine Welt voll Fingerspitzengefühl und Präzision. Usa stammt aus einer Geigenbauerfamilie vom Bodensee und hat, nach einem angefangenen Cellostudium, selbst eine Ausbildung zum Geigenbaumeister absolviert, unter anderem an der School of Violin Making in Newark (England). Von dort hat er die Idee mitgebracht, im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung Streichinstrumente zu fertigen.

Usa von Stietencron: In Viererteams Instrumente zu bauen und das in einem gewissen vorgegebenen Zeitrahmen kannte ich von der Schule. Dort haben wir das Klassen-übergreifend gemacht und es war immer ein großer Spaß! Im Wiener Konzerthaus werden wir in vier Tagen ein Streichquartett (Violoncello, Bratsche und 2 Violinen) bauen. Es gibt also Erfahrung damit, ein Cello wurde allerdings noch nie in einem solchen Rahmen hergestellt. Wir werden zu 16nt sein und an die 12 Stunden pro Tag werken. Pausen ergeben sich von selbst, etwa wenn der Leim trocknen muss. Es kommen KollegInnen und Kollegen aus ganz Europa zusammen, die einzelnen Teams werden gelost, sodass sich eine wunderbare Gelegenheit für den Austausch bietet. Das wird insofern spannend, als normalerweise die Instrumente ja von einer Person gefertigt werden und jeder Meister seine eigene Handschrift mitbringt. Auf diese Weise können wir heute die Geigen der alten Meister auch identifizieren, an der Art, wie sie ihr Werkzeug geführt haben.
geigenbau_konzerthausDas einzige, was den Instrumenten am 4. Tag fehlen wird, ist der Lack. Das ist aufgrund der Trockenzeiten nicht möglich, aber die vier Instrumente werden besaitet und sofort einem öffentlichen Test durch ein renommiertes Streichquartett unterzogen. Anschließend findet eine Versteigerung statt, deren Erlös „Superar“ zugutekommt, einer Initiative von Konzerthaus, Sängerknaben und Caritas, die die musikalische Ausbildung von Kindern fördert.

m\L: Wie ist die Gruppe Violin Craft Vienna entstanden?

U.v.S.: Ich habe Henriette Lersch und Martin Rainer 2012 bei meiner Meisterprüfung kennen gelernt! Während sie mich geprüft und ich geschwitzt habe, kam es zu guten Gesprächen und dem Beschluss, sich mal zu treffen und zu überlegen, wie wir mehr Bewusstsein für die Aktivitäten der Wiener Geigenbauer und Geigenbauerinnen schaffen können. Die Entscheidung, vorübergehend ausserhalb der vorhandenen Standesvertretungen – der Innung und dem Verband österreichischer Geigenbauer – zu arbeiten, fiel einstimmig. Wir wussten, das wir in einer kleinen Gruppe flexibler agieren und schneller entscheiden können. Wichtig war uns jedoch, alle Wiener Geigenbauer und Geigenbauerinnen zum mitmachen bei unserer Veranstaltung Quartett gebaut gehört einzuladen!

m\L: Die Vermittlung des Handwerks steht dabei im Mittelpunkt, aber eigentlich ist es auch eine Werbeveranstaltung. Inwiefern ist das notwendig in Wien, einer der Welthauptstädte der Musik?

U.v.S.: Es geht uns nicht nur darum etwas Neues zu machen, der kommerzielle Aspekt spielt natürlich auch eine Rolle. Der Geigenbau ist keineswegs vom Aussterben bedroht, sondern sehr lebendig. Wir haben keine Lust auf die reine Nostalgie, mit der das Handwerk oft in Verbindung gebracht wird.usa_stietencron4 Im Konzerthaus wird es ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Schulen geben, die den ganzen Prozess der Entstehung der Instrumente bis hin zum Konzert mitverfolgen können. Kinder wissen z.B. oft nicht, dass in der Filmmusik vielfach Streichinstrumente zum Einsatz kommen und noch nicht durch den Computer ersetzt sind. Und auch für Profimusiker ist die Veranstaltung interessant, die haben oftmals nicht die Gelegenheit Werkstätten so regelmäßig zu besuchen, um den gesamten Entstehungsprozess eines Instruments gesehen zu haben. Zudem wird es an den Werkbänken im Großen Foyer Kameras geben, und das Event wird auch als Livestream zu verfolgen sein.Parallel dazu gibt es im Wotruba-Salon, im zweiten Stock des Konzerthauses, eine Präsentation von Geigen aus den einzelnen Werkstätten. Wir hoffen schon, dass das eine oder andere Instrument auch verkauft wird. Ja, wir wollen, dass der neue Wiener Geigenbau mehr Aufmerksamkeit erhält. Wir wollen zeigen, dass hier in der Stadt hervorragende neue Instrumente gebaut werden. Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich Profimusiker.

m\L: Sie selbst haben sich in den vergangenen Jahren auf die Restaurierung alter Instrumente spezialisiert. Dabei kommt, neben einem großen Schatz an Erfahrungswissen, modernste Technik zum Einsatz.usa_stietencron_1

U.v.S.: Das ist z.B. ein solches Instrument, ein ca. 300 Jahre altes Cello. Davon habe ich schon einige Gipsabdrücke genommen, es ist zerlegt, hier die Zargen und der Korpus, Decke und Boden. Man sieht einige Risse, Fehlstellen, an denen das Material nicht mehr dick genug ist und auch die Wölbung des Klangkörpers passt nicht überall. Die Restaurierung wird etwa ein dreiviertel Jahr in Anspruch nehmen.

m\L: Bleibt bei der Restaurierung die Geschichte des Instruments sichtbar, die Spuren ablesbar?

U.v.S.: Spuren von Gebrauch gehören meines Erachtens dazu, sie sind Teil der Geschichte und Teil der Schönheit des Instruments. Zum Glück sehen das die Meisten meiner Kunden auch so und wollen nicht, dass jeder Kratzer versteckt und auspoliert wird. So auch der Besitzer dieses Instruments, ein Wiener Sammler und Mäzen, der alte Instrumente restaurieren lässt, um sie Musikern zur Verfügung zu stellen. Wichtig sind statische Eingriffe. Bei jeder Restaurierung geht immer auch Originalsubstanz verloren. Um hierbei möglichst schonend vorzugehen, kommen neueste bildgebende Methoden zum Einsatz. So verwende ich für eine erste Zustandsanalyse eine endoskopische Kamera, auch ein CT des Instruments ist möglich, etwa um Gänge von Holzwürmern aufzuspüren.
Wird die Verleimung des Korpus gelöst, bleibt eine unregelmäßige Holzkante zurück. Diese musste für eine Doppelung bislang abgeschliffen werden, was den Verlust von Originalholz zur Folge hatte. Ich habe daher ein Verfahren weiterentwickelt, um große Futter in zu dünne Instrumente einzupassen, ohne originales Holz zu entfernen, ein reversibler Eingriff, bei dem keine Maschine das Instrument berührt. Von der zu dublierenden Fläche wird ein hochaufgelöster 3D-Laserscan gemacht. Mit einer computergesteuerten Fräse kann danach ein perfekt passendes Stück gefräst werden. Das macht General Laser für mich, wo mit der entsprechenden Präzision gearbeitet wird (www.general-laser.at).
Nach dem Verleimen und Ausarbeiten werden wieder gesunde Stärken von Decke und Boden erreicht, ein entsprechend kräftiger Klang und statische Funktionalität sind die Folge. Das Ergebnis sollte wieder für mehrere Generationen halten!

usa_stietencron2m\L: Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

U.v.S.: Ich würde mir wünschen, mein Atelier auszubauen und jemanden anzustellen. In den letzten 10 Jahren, in denen ich mich auf Restaurierung spezialisiert habe, habe ich von vielen Kollegen und Arbeitgebern Methoden der Restaurierung erlernt und einige davon verfeinert. Es würde mir viel Freude bereiten, dieses Wissen weiter zu geben. Ob mit eigenen MitarbeiterInnen oder mit KollegInnen, ich bevorzuge immer den Austausch gegenüber der Geheimniskrämerei! Das ist es auch, was mich mit Henriette, Gerlinde, Martin und Roland verbindet. Deshalb sind wir jetzt Violin Craft Vienna und bereiten mit viel Vergnügen unseren Quartett-Bau-Marathon im Konzerthaus vor!

m\L: Vielen Dank für das Gespräch!

Usa von Stietencron http://vonstietencron.com/, Heiligenkreuzerhof, 1010 Wien

Violin Craft Vienna www.geigenbau.jetzt (ab Mitte Juli online!)

Henriette Lersch: http://www.lerschgeigenbau.at
Martin Rainer: http://www.martin-rainer.at
Gerlinde Reutterer: http://www.reutterer.at
Roland Schueler: http://violins.schueler.at
Quartett gebaut gehört von 19.-22.10.2016 im Wiener Konzerthaus
Details zum Programm auf  www.konzerthaus.at

Fotocredit – Titelbild: http://www.halmen.at/
Foto2: © schultz+schultz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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