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Schlüsselfertige Kunstwerke

Thomas Sandri ist Mechatroniker und betreibt seit 1999 seine Firma Technik für Kunstwerke. Zu ihm kommen KünstlerInnen, wenn sich in ihren Kunstwerken etwas rühren soll. Wir haben den gebürtigen Vorarlberger in seiner Werkstatt in Wien Fünfhaus besucht und mit ihm über seine Ausbildung, seinen ungewöhnlichen beruflichen Werdegang und Gutes böses Geld gesprochen.
Betritt man Thomas Sandris Werkstatt, bemerkt man sofort die fein säuberlich geordneten und beschrifteten Boxen mit unterschiedlichsten Bauteilen und Anleitungen: in den vergangenen 16 Jahren wurde hier eine Vielzahl an technisch komplexen Kunstwerken für mehr als 50 Künstler und Künstlerinnen, meist aus dem deutschsprachigen Raum, erdacht und gemacht.

Da liegt die Frage nach einem der letzten Projekt nahe, und wie funktioniert es?

TS: Wir haben für den Künstler Axel Stockburger in Baden Baden, in Deutschland, im Rahmen der Landesausstellung Gutes böses Geld ein Kunstwerk installiert. Die Skulptur steht in der Altstadt und wirft Geld aus. Das Werk trägt den Titel „Quantitativ Easing for the Street“ und war vor ca. 2 Jahren schon einmal in Wien am Graben zu sehen.
Die Herstellung des Kunstwerkes, es sieht aus wie eine goldene Säule, teilt sich in 3 Gewerke. Und zwar Schlosser, die Metallarbeit kommt von Markus Bergler (Markus Bergler Apparatebau), mit dem ich sehr viel mache. Dann gibt’s noch die Barbara Klampfl (Klampfl Kreativ Technik, http://www.klampfl.com), die für die Außenhaut zuständig war. Diese besteht aus sogenanntem Schlagmetall, das der Goldanmutung am nächsten kommt und auch so verarbeitet wird, mit Briefchen aufgepinselt, wie man auch Blattgold verarbeiten würde. Meine Aufgabe war der Mechanismus für das Auswerfen der Münzen. goldene_saeuleEs benötigt dafür keine Interaktion mit dem Betrachter, sondern nur Geduld… Der Titel „Quantitativ Easing“ beschreibt einen tatsächlichen Vorgang in der Bankenwelt. Die EZB kauft Anleihen von Banken auf, ihre Bilanzsumme steigt. Dadurch soll die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden. Bei dieser Installation wird vorhandenes Geld ausgegeben, um die Kaufkraft der Passanten zu stärken. Dabei fallen täglich ungefähr 36 Euro in 1-Euro-Münzen heraus, an zufälligen Zeitpunkten.

m/L: Wie weit sind die Kunstwerke in den Köpfen der KünstlerInnen bereits gediehen, bzw. wie groß ist Dein Anteil am gesamten Prozess?

TS: Mein Anteil ist relativ klein, die Leute wissen recht genau, was sie wollen. Was sie oft nicht parat haben ist, wie es funktioniert. Die Nuancen der Veränderung durch die Planung der Herstellung sind gering. Z.B., dass eine Kugel anstatt 1,05 Meter nur 1 Meter Durchmesser hat, da dieser mit Standardbauteilen leichter zu erzielen ist. Der Grad der Annäherung ist also eher eine Kostenfrage.

m/L: Welches Kunstwerk war das spektakulärste, das Du gebaut hast?

TS: Eines, das als Gesamterlebnis für mich funktioniert: Ein großer Messingluster, der an einem weißen Galgen hängt, in dem Luster ist ein Megaphon versteckt… Das Ganze steht vor einem Hotel (das 21c Museum Hotel) in Cincinnati/Ohio. An der Rezeption gibt es eine Klingel, wenn man diese betätigt, beginnt der Luster ein Atemgeräusch von sich zu geben. In der Nacht, wenn das Licht an ist, wird die Beleuchtung mit dem Ausatmen dunkler, dann -mit 3 x Einatmen- wieder heller. Die Gäste an der Rezeption stehen mit dem Rücken zum Kunstwerk und sehen nicht wirklich, was sie durch das Klingeln ausgelöst haben, nehmen es nur indirekt war. Der ganze Prozess, ein derart großes Kunstwerk zu konstruieren, es in die USA zu bringen, vor Ort aufzubauen war sehr aufregend, eine ganz andere Welt. Übrigens eine Arbeit für Werner Reiterer.

luster_2

m/L: Wie funktioniert für Dich die Auswahl, welche Werke Du realisierst? Im Fall der beschriebenen Kunstwerke hatte ich den Eindruck, dass Du den Inhalt/die Aussage, die der Künstler mit seiner Arbeit tätigen möchte, auch mittragen kannst?

TS: In den Jahren meiner Tätigkeit –ich muss jetzt eine Zahl erfinden– waren sicherlich 98,4 % der Arbeiten so, dass sie mir gefallen haben. Es interessiert mich der künstlerische Inhalt nicht immer gleich stark, aber die Aufgabenstellung ist damit natürlich untrennbar verbunden. Sonst passieren Dinge, dass der Mechanismus z.B. Geräusche erzeugt, die unpassend sind, weil das Objekt lautlos funktionieren soll oder an dem Ausstellungsort Stille gefragt ist. So kommt man automatisch zu einer bestimmten Art und Weise der Ausführung.

m/L: Du installierst die Kunstwerke, wie im Fall von Axel Stockburger, dann auch immer wieder? Oder gibt es Objekte, die von selbst funktionieren, die man quasi nur anstecken muss?

TS: Grundsätzlich ist es die Idee, dass die Kunstwerke nicht nur schlüsselfertig, also voll funktionsfähig, übergeben werden, sondern auch plug and play. Eines der schönsten Beispiele dafür ist eine ständige Ausstellung über den Schriftsteller W.H. Auden in Kirchstetten, wo er bis 1973 die Sommer verbracht hat und wo auch sein Spätwerk (darunter „Funeral Blues“, bekannt aus dem Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) entstanden ist. Die Ausstellung hat Peter Karlhuber gestaltet, und ich habe für ihn die Audio- und Videoinstallation gemacht. Dort gibt es tatsächlich beim Eingang einen einzigen Schalter, der heißt „Ausstellung ein/aus“ und damit werden die gesamte Ausstellungsbeleuchtung, alle 10 Hörstationen und die 5 Videostationen automatisch aktiviert.WHAuden_1
m/L: Wie hat sich die Technik verändert? Ich nehme an, die Steuerung, etwa für das Atmen des Lusters, erfolgt elektronisch. Wie war das, als Du begonnen hast, Technik für Kunstwerke zu bauen?

TS: Es gibt tatsächlich ein Objekt bei dem eine DVD gespielt wird, die nicht nur einen Film zeigt, sondern auch für das menschliche Ohr nicht hörbare Steuerungstöne erzeugt, um eine elektronische Steuerung zu einer bestimmten Interaktion zu bewegen. So würde ich das heute nicht mehr machen. Die Welt der Mikro-Steuerungselemente hat sich so radikal verändert, dass es für fast alles eine programmierbare Lösung gibt. Es ist einfacher geworden, etwa in der Arduino Mikrocontollerwelt, und anderen open source Lösungen. Wobei meine Arbeit komplexer ist, als nur den Controller zu programmieren, die einzelnen Komponenten müssen in einen Gesamtzusammenhang gebracht werden. Dabei hilft mir mein Wissen, meine Berufsausbildung und jahrelange Erfahrung als Mechatroniker, von elektromechanischen Grundlagen bis hin z.B. zu dem Wissen über notwendige Klimaverhältnisse bei einer Installation im Außenraum, dass sich möglichst kein Kondenswasser zeigt, etc. Auch die Wartung von Kunstwerken ist ein eigenes Thema.

m/L: Das bringt mich zu der Frage nach Deiner Ausbildung. Du hast Mechatroniker gelernt – wie hat sich Deine Berufswahl gestaltet und wie hast Du Deinen Weg in die Kunstszene gefunden? In einem Film über Deine Tätigkeit bezeichnest Du Dich als Handwerker!

TS: Ich habe tatsächlich einen Lehrberuf erlernt, den würde man heute Mechatroniker nennen. Früher hat das Elektromechaniker für Schwachstrom geheißen. Meine Ausbildung habe ich in einem Betrieb begonnen, der Steuerungsgeräte für Spritzgussmaschinen hergestellt hat. Irgendwann habe ich dann die Werkmeisterschule Elektrotechnik gemacht, eine Abendschule, und auch die HTL für Elektrotechnik, ebenfalls am Abend. Handwerker ist tatsächlich, was meine Tätigkeit am besten beschreibt.
Inspiration war für mich ein Film, den ich als 10jähriger im Fernsehen gesehen habe: Good Neighbor Sam, in dem Jack Lemmon im Garten eine kuriose Maschine konstruiert, die an die Kunstwerke von Jean Tinguely erinnert. Mit 16 Jahren habe ich dann bereits selbst etwas Ähnliches gebaut. Es gab damals einen internationalen Wettbewerb für Klangmaschinenbau, der wurde ausgeschrieben vom ORF Vorarlberg, dem Theater am Kirchplatz in Schaan in Liechtenstein und dem Spielboden Dornbirn, unter der Federführung und Organisation von Ulrich Gabriel. Es gab über 100 Einreichungen, eine internationale Jury hat unterschiedliche Kategorien bewertet, und es hat eine Ausstellung stattgefunden.Sandri_videoDas war während der Lehrzeit und Ulrich Gabriel hat mich und einige Freunde darauf angesprochen, doch mitzumachen. Für eine Präsentation im ORF Landesstudio Vorarlberg haben wir ein Objekt mit dem Titel „Viktor oder Glück für die ganze Familie Nr. 1“ konstruiert, am Wettbewerb selbst dann allerdings nicht teilgenommen – da war die Luft raus! Mit 20 bin ich nach Wien übersiedelt und habe relativ bald das erste Mal die künstlerische Idee für jemand anders konstruiert. Stefan Sagmeister wurde damals von Hans Gratzer, dem Direktor des Schauspielhauses, gebeten eine Plakataktion „Rettet das Ronacher“ zu entwerfen. Eines der Plakate war ein elektronisches Plakat, das ich umgesetzt habe, und, etwa ein Jahr später, habe ich dann Teile von Stefan Sagmeisters Diplomarbeitsideen mit ihm realisiert. Mein vordringlicher Berufswunsch war es allerdings, als Haustechniker in einem Museum zu arbeiten. Das ist mir im Wiener Theatermuseum gelungen, wo ich 10 Jahre lang als Haus- und Ausstellungstechniker tätig war, quasi eine One-Man-Show, zugleich Sicherheitsvertrauensperson, etc.
Heute mache ich, neben der Arbeit an Technik für Kunstwerke, technische Vorprüfungen für Kunst am Bau. Ich überprüfe die Einreichungen zu den Wettbewerben auf ihre technische Machbarkeit. Das ist eine abwechslungsreiche Ergänzung.

m/L: Vielen Dank für das Gespräch!

Thomas Sandri, Technik für Kunstwerke
Informationen und Kontakt: http://www.sandri.tv

Fotocredits:
Luster vom Werner Reiterer: Thomas Sandri
„Goldene Säule“ von Axel Stockburger: Thomas Sandri
Auden: Peter Karlhuber

Ausschnitt aus einem Film von (2005):
Margit A. Schmid, José Lorenzo Wasner, Hannah Steiner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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