Magazin

Matteo Thun plädiert für eine sanfte Evolution

matteo_thunVorab zum manufakturLab HandwerksForum 2015, haben wir Design Legende Matteo Thun zum Gespräch gebeten.
Ganz ohne großes Aufsehen gründete Matteo Thun schon vor einiger Zeit Thun Atelier. Es geht ihm dabei nicht nur um das Bewahren, sondern gemeinsam mit den Handwerkern das „perfekte“ Produkt zu kreieren. Damit versorgt er die – mitunter sehr kleinen – Betriebe mit Aufträgen und sichert dadurch ihren Fortbestand.

Handwerk ist derzeit in aller Munde und in jedem Magazin liest man von und über Handwerk. Dennoch drohen viele Handwerksformen auszusterben oder sind bereits nicht mehr existent.

manufakturLab: In Italien ist Handwerk, gefühlt, nie wirklich aus der Mode gekommen. Es gibt nach wie vor unzählige Familienbetriebe (Cotonificio Albini, Silvano Sollini,…), die trotz der Krise, die Italien durchlebt, nicht aufgegeben haben., Im Gegenteil, derzeit reüssieren viele Betriebe wieder: Neapel besinnt sich verstärkt auf die alte Tradition/Wirtschaftskraft des Handwerks, etc Haben die Menschen dort ein anderes Verständnis für Qualität?

Matteo Thun: Ich glaube, es ist eine generelle Mentalitätsfrage, die auch viel mit Familiensinn zu tun hat. In Mittel- und Nordeuropäischen Ländern hat sich viel eher der Trend durchgesetzt, dass die Kinder den eigenen Neigungen nachgehen und so vielleicht den Betrieb der Eltern nicht mehr weiterführen. Die italienische Familienverbundenheit und Identitätsfindung innerhalb der Familie (im weit angelegten Sinne – da gehören Cousinen und Verwandte zweiten und dritten Grades auch dazu), haben sicher geholfen, auch mittlere und kleine bis kleinste Unternehmen länger am Leben zu erhalten. Man ist stolz auf die eigenen Wurzeln und pflegt sie.
Ein weiterer Aspekt ist auch die geografische, geologische und infrastrukturelle Beschaffenheit Italiens. Man mag es als Ausländer nicht glauben, aber Italien ist sehr bergig und war bis vor wenigen Jahrzehnten nur schwer zu erschließen bzw. schlecht erschlossen. Handwerker vor Ort zu haben war wichtig für alle, da man nicht so ohne weiteres auf entfernter liegende Betriebe zugreifen konnte.
Jetzt, da die Krise Italien im Griff hat, besinnt man sich wieder auf Traditionen und Qualität, unterstützt sich gegenseitig, kämpft gemeinsam um das Überleben und die Erhaltung einer Identität der Gemeinschaft, die eben auch über handwerkliche Traditionen definiert ist. Aber das gilt wohl überall dort, wo Menschen verwurzelt sind, einen echten Bezug zu Land und Leuten haben. Nicht nur in Italien.

Vasenm|L: Große Modehäuser, zum Beispiel Chanel, haben bereits vor Jahren erkannt, dass das alte Wissen der Werkstätten „Gold“ wert ist, und kaufen daher seit Jahren Handwerksbetriebe auf.
Was war für Sie Anlass Ihr Projekt „Thun Atelier“ zu gründen? Warum greifen Sie wieder auf alte Handwerksbetriebe zurück?

Matteo Thun: In meinem Falle handelt es sich wohl mehr um Idealismus, Lust auf freie Entfaltung meiner Kreativität jenseits der Briefs von Kunden, Austausch mit den Meistern eines Handwerks und den Wunsch, diesen Gewerken neue Sichtbarkeit und idealer Weise auch neue Absatzmärkte zu erschließen. Wenn dies dann alles „Gold“ wert ist, dann würde natürlich ein kleiner Traum für uns alle in Erfüllung gehen.
Für mich bedeutet das Projekt Matteo Thun Atelier natürlich auch zurück zu meinen Wurzeln zu gehen, die Leidenschaft für bildende Künste zu pflegen, die ich von meinen Eltern und besonders von meiner Mutter mit in die Wiege gelegt bekommen habe. Eine Leidenschaft, die ich dann während und kurz nach meiner Studienzeit mit Memphis bereits wiederentdeckt hatte, als ich die Keramiken mit Alessio Sarri entwickelte. Natürlich habe ich im Laufe der Jahre den Kontakt zum Handwerk nie verloren. Holz spielt zum Beispiel in meinem Schaffen seit jeher eine wichtige Rolle. Das kann mal industrieller, mal manueller verarbeitet werden. Die Faszination des Materials bleibt unverändert, das Herzblut, das mit im Produkt steckt ist aber sicherlich mehr bei einem handwerklich hergestellten Produkt. Denn da eifern ein Handwerkermeister und ich gemeinsam für ein perfektes Ergebnis.

m|L: manufakturLab hat die Idee von einem Handwerk 3.0 – eine neue Generation mit neuen Lebensmodellen und einer sogenannten Mosaikkarriere wendet sich wieder verstärkt dem Handwerk zu. Dazu passt auch Frugal Innovation – Traditionelle Praktiken setzen auf reichliche Ressourcen, Frugal Innovation setzt auf archaische Potenziale und fördert gleichzeitig die Methodik „Simplify Innovation“.
Handwerk arbeitet eigentlich schon lange nach diesem Prinzip – ist das die Chance für ein neues Handwerk 3.0?

Matteo Thun: Das Handwerk muss zu seinen Alleinstellungsmerkmalen zurückfinden. Je besser das Handwerk es schafft, die verschiedenen Materialien visuell und funktionell aufzuwerten, vergessene Techniken wiederzubeleben und eine sanfte Evolution seiner Ausdrucksformen umzusetzen, desto besser wird es angenommen werden. Vermutlich wird es dabei auch weiterhin nur eine Nische im Markt besetzen. Aber nur wenn es durch eine solche Wert(wieder)findung gelingt, durch jedes Objekt Geschichten und Geschichte erzählen, wird es sich von Industrieprodukten abgrenzen können, Kosten „rechtfertigen“ können (ohne damit „Luxus“ zu meinen), Kenner und Liebhaber für sich gewinnen.

totemsm|L: Wie sehen Sie grundsätzlich die Zukunftschancen von Handwerk und Manufaktur in einem globalisierten Markt? Abseits von Kultur-/Erlebnistourismus und nostalgischer Vermarktung?

Matteo Thun: Jedes Land hat handwerkliche Traditionen. Die regionalen Eigenheiten und Unterschiede in Materialien, Verarbeitung und Ausdrucksform herauszuarbeiten wird die wirkliche Herausforderung und Chance für das Handwerk sein. Das hat nichts mit Nostalgie, Erlebnis oder Gefühlsduselei zu tun. In der Industrie würde man es Brand Identity nennen! Sich nicht verbiegen, sondern die eigenen Charakteristiken für sich nutzen, unterstreichen und die Möglichkeiten der globalisierten Märkte durch Kommunikation, Austausch und Kooperation für sich nutzen, so muss die Devise lauten.

m|L: Die Gesellschaft driftet immer mehr auseinander und viele Menschen können sich nur preiswerte Produkte leisten. Ist das für Sie ein Argument, um billige Massenprodukte zu rechtfertigen?

Matteo Thun: Natürlich ist es notwendig, günstige Massenprodukte anbieten zu können. Denn es wird immer (mehr) Menschen geben, die sich leider nur diese Massenprodukte leisten können. Ich finde es aber wichtig, dass sich normal und gut situierte Familien und Personen bewusst sind, dass Konsum nicht nur ein Recht sondern auch eine Verpflichtung darstellt: ethische und ökologische Nachhaltigkeit müssen von den Menschen verfochten werden, die „fair“ einkaufen können. Andererseits muss man auch sagen, dass nicht unbedingt ein Produkt, das im Handel 100 Euro kostet, „fairer“ und nachhaltiger hergestellt wird als eines, das 15 Euro kostet. Das Thema „billig“ oder „teuer“, „nachhaltig“ oder „nicht nachhaltig“ müsste eben von allen Beteiligten mit bestem Gewissen angegangen werden.

m|L: Was schätzen Sie, wie viele Menschen von 100 denken darüber nach, ob ihre Produkte nachhaltig sind?

Matteo Thun: Ich denke, viele Menschen meinen, eine ziemlich gute Nachhaltigkeitsbilanz zu führen. Aber Nachhaltigkeit darf nicht bei Mülltrennung aufhören. Nachhaltigkeit dreht sich um den gesamten Lebenszyklus eines Produkts (vom Rohstoff über dessen Verarbeitung bis hin zur Entsorgung) genauso wie um dessen Transport, Vermarktung, Gebrauch und Lebensdauer, qualitativ, funktionell als auch ästhetisch gesehen. Und da vermute ich, sind es nicht mehr viele die sich dessen bewusst sind.

manufakturLab bedankt sich ganz herzlich!

Kontakt:
Matteo Thun Mailand | www.matteothun.com
Phone +39 02 6556911 | info@matteothun.com

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s