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DAS BESTE VON ALT UND NEU

\ manufakturLab bittet Herrn Staatssekretär Dr. Harald Mahrer zum Interview.

Österreichisches Handwerk und Manufaktur stellt anerkannte, geschätzte und begehrte Spitzenprodukte her. Obwohl die Betriebe häufig sehr klein sind und oftmals nur sehr wenige Mitarbeiter_Innen haben, ist ihre Bedeutung die letzten Jahre stetig gewachsen. Sie stehen aber zunehmend im Wettbewerb mit der Industrie. Gleichzeitig gilt es kulturelle, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten und für die eigene Form der Produktion und den Vertrieb der Produkte zu nutzen. Es geht um die über die Generationen auftretenden veränderten Arbeitsbedingungen, es geht um die Verbindung von Handwerk und neuen Technologien, es geht um Vertriebswege in die Zukunft. Aber auch um Nachhaltigkeit und Verantwortung innerhalb dieser Gesellschaft.
Es ist bekannt, dass Herr Staatssekretär Dr. Harald Mahrer eine Affinität zu hochwertigen Stoffen, ganz besonders Tweed, und Handwerk / Manufaktur im Allgemeinen besitzt, die Schnittstelle zu manufakturLab. Wir haben uns mit Herrn Staatsekretär Dr. Harald Mahrer zum Gespräch getroffen.


Zum Einstieg: Herr Staatssekretär kennen Sie das Textile Zentrum Haslach? Das Textile Zentrum Haslach ist eine Kooperation bestehend aus fünf Partnern, die den Faden der textilen Tradition des Mühlviertels im Spannungsfeld zwischen Museum, Produktion, Ausbildung und Kunst weiterspinnen wollen.

Dr. Mahrer: Ja, kenne ich. Das Textile Zentrum Haslach vereint in meinen Augen auf sehr ansehnliche Art und Weise Tradition und Moderne. Der Erhalt des reichen Wissens um textile Herstellungs- und Gestaltungsprozesse und die Möglichkeit, diese weiterzuentwickeln oder neu zu interpretieren ist ein gelungener Mix.

m/l: Sich für z.B. einen Maßanzug zu entscheiden, ist eine klare Absage an die Kurzlebigkeit, ein Statement und ebenso ein Votum für Werte mit Bestand. Stimmen Sie dem zu?

Dr. Mahrer: Absolut. Es geht um Individualität und Design. Ein Trend, den wir in vielen Bereichen sehen, nicht nur in der Mode. Denken Sie zum Beispiel an den Autokauf. Der Trend zur Fertigung von individuell konfigurierten Produkten – Stichwort Losgröße 1* – ist ungebrochen. Die Anforderungen der Konsumenten werden immer kundenspezifischer. Sie wollen das Aussehen, die Haptik, die Produkteigenschaften durch persönliche Details mitgestalten, quasi Teil des Schaffungsprozesses werden. In bestimmten Fällen kommt man um die Produktindividualisierung ohnedies nicht herum. Probieren Sie einmal mit meiner Körpergröße einen passenden Anzug von der Stange zu finden. (lacht)

m/l: Individuell und gleichzeitig dem Anlass angemessen gekleidet zu sein, ist gerade in einer politischen Funktion und der damit verbundenen Öffentlichkeit nicht einfach. Wie schaffen Sie den Spagat?

Dr. Mahrer: Danke für dieses Kompliment! Wichtig ist, dass man sich in seiner Kleidung wohl fühlt. Dann ist es egal, ob man eine einfarbige, gestreifte oder vielleicht einmal eine bunte Krawatte trägt. Hauptsache man bleibt authentisch, sich selbst treu. Mir persönlich sind Details wichtig, sie geben einem die Möglichkeit seinen eigenen Stil zu leben.

m/l: Was macht Handwerk für Sie besonders? Kann man es überhaupt auf einen Nenner bringen?

Dr. Mahrer: Es ist das Zusammenspiel von Alt und Neu, das Spannungsfeld zwischen Tradition und technischem Fortschritt. Selbst wenn heute im traditionellen Handwerksbetrieb modernste Maschinen zum Einsatz kommen, braucht es geschickte Handwerker dahinter. Grundlage ist über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende angesammeltes und weitergegebenes Wissen und Handwerkstradition. Die immerwährende Handwerks-DNA, wenn Sie so wollen. Nur durch die Erfahrung der Handwerker, ihre Kreativität und ihr Gefühl und Verständnis für die eingesetzten Werkstoffe entsteht am Ende ein hochqualitatives Produkt. Im wahrsten Sinne des Wortes „Handwerk“ sind es die geschulten und geübten Hände, die ein Werk vollkommen machen. Das ist schon faszinierend.

m/l: Neue Generation, neue Sichtweisen, andere Bedürfnisse. Wie geht man mit alten Werten, Traditionen, Privilegien und neuen Lebens-, Bildungs- und Arbeitsformen am besten um?

Dr. Mahrer: Mit den Händen etwas zu schaffen ist ein Wert, der immer Bestand haben wird. Und bei allem technologischen Fortschritt, den wir heute zum Glück schon haben, spüre ich ein tiefes Verlangen in der Bevölkerung an Altbewährtem festzuhalten. Es ist also kein entweder – oder, sondern ein sowohl – als auch. Die Frage ist daher fast schon philosophisch. Im Kern ist es eine Frage der Weiterentwicklung, wenn wir aufklärerisch an sie herangehen, ein verbindendes Element zwischen Vergangenheit und Zukunft erkennen. Wir begreifen alte Werte und Traditionen als die Quellen unserer Herkunft und damit als Fundament, auf dem wir für morgen aufbauen. Ein Fundament, das uns die Solidität und gleichzeitig die Flexibilität gibt, uns auf die Herausforderungen der Zukunft einzustellen und erfolgreich mit diesem umzugehen. Das bedeutet: Keine Zukunft ohne Herkunft. Keine Verzweigung der Äste in der Baumkrone ohne Stamm und tiefer Verwurzelung. Wir können immer Anlehnung an der Natur nehmen, die uns diese Zusammenhänge bestens begreiflich macht.

m/l: Was könnte/sollte Ihrer Meinung nach die Politik an Voraussetzungen für neues Handwerk schaffen (Stichwort Gewerbeordnung, Abgabensituation, „überkommene“ Strukturen…)?

Dr. Mahrer: Österreich hat eine junge, dynamische Gründerszene, die alle Mauern niederreißen möchte – quer durch alle Branchen, vom traditionellen Handwerk bis hin zum Hochtechnologiebereich. Es ist Aufgabe der Politik, diese Dynamik mit den alten, starren Strukturen, die wir in Österreich teilweise noch haben, in Einklang zu bringen. Daher haben Vizekanzler Mitterlehner und ich im April die Strategie „Land der Gründer“ vorgestellt, die wir mit über 250 Akteuren und Institutionen aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam erarbeitet haben. Es ist also keine Strategie, die sich die Politik im Elfenbeinturm sitzend ausgedacht hat, sondern mit den Playern gemeinsam. Partizipative Politikgestaltung, das ist mein Verständnis einer modernen Form des Regierens, die wir für den Aufbruch in eine neue Gründerzeit in Österreich brauchen – so selbstkritisch muss man sein. Entstanden ist ein konkreter Fahrplan mit 40 Maßnahmen, wie Österreich zum Gründerland Nr. 1 in Europa werden kann.

Die ersten Projekte sind auf dem Weg, wie etwa das neue Alternativfinanzierungsgesetz, mit dem wir Crowdfunding in Österreich auf solide rechtliche Beine stellen. Ein äußerst attraktives Finanzierungsmodell gerade auch für den Handwerksbereich. Denken Sie beispielsweise an das Team von Wohnwagon, das schon mehr als 200.000 Euro via Crowdfunding erfolgreich eingesammelt hat. Zusätzlich arbeiten wir an einem modernen steuerlichen Rahmen für KMU-Finanzierungsgesellschaften, der Klein- und Mittelunternehmen den Zugang zum Finanzmarkt erleichtern soll. Gerade das Thema Finanzierung ist ein Dauerbrenner, egal ob in der Start- oder Wachstumsphase.

m/l: Manufaktur heute bedeutet vor allem Individualität und Innovation – jedoch nicht auf Ausbildung, handwerkliche Tradition und Fertigungskunst zu verzichten. Im besten Fall kommt Technik, Technologie zum Einsatz, die das Produkt optimiert. Könnte dies für die neue Makersgeneration die vielgesuchte Nische in der globalisierten Welt sein?

Dr. Mahrer: Definitiv. Österreich verfügt schon heute über viele „Hidden Champions“, die in ihren Nischen ganz vorne auf den Weltmärkten mitmischen. Wir verdienen 6 von 10 Euro im Export. Ein eindrucksvoller Beweis für die Innovationskraft unserer Unternehmen und ihrer engagierten Mitarbeiter. Das Potenzial ist also definitiv vorhanden. Woran es noch hakt, ist das unternehmerische Mindset und der Mut groß zu denken. Wir dürfen uns nicht nur am Heimmarkt Europa orientieren, sondern müssen global denken und für den internationalen Markt planen. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Die Angst vor dem Scheitern ist in Österreich groß. Mehr als ein Drittel aller KMU haben Angst davor. Oft braucht es aber gerade einen zweiten oder dritten Anlauf, bis ein Projekt gelingt. Neben dem Entrepreneurial-Mindset brauchen wir also eine Mentalität der „zweiten Chance“. Das ist ein langer Prozess und geht selbstverständlich nicht von heute auf morgen. Mit der „Gründerland-Strategie“ haben wir jedenfalls einen wichtigen Schritt in Richtung unternehmerisches Österreich gesetzt.

m/l: Konkret im Sinne der Industrie 4.0: INDUSTRY MEETS MAKERS und was könnte das bedeuten?

Dr. Mahrer: Die Digitalisierung stellt gesamte Wertschöpfungsprozesse auf den Kopf – von der Innovations- über die Produktentwicklung, über Zulieferketten bis hin zur Fertigung. Das führt auch zu drastischen Veränderungen bei Geschäftsmodellen. Aktuell formen sich quasi zwei Produktionsökosysteme – das der Industrie 4.0 und das der selbstproduzierenden “Makers” – die sich schrittweise aufeinander zubewegen und eine völlig veränderte Marktsituation entstehen lassen. Es ist kein entweder oder sondern vielmehr eine sich gegenseitig befruchtende Symbiose. Es braucht neue innovative Modelle der Zusammenarbeit, gemeinsame Investitionsstrategien und Standortkonzepte, um das Innovations- und Geschäftspotenzial zum Vorteil beider Seiten zu heben.

m/l: Es geht darum ein perfektes Produkt zu fertigen und nicht billiger zu machen. Einige Kunden haben dies mittlerweile erkannt. Diese neuen Konsumenten suchen und schätzen Produkte die von Menschen für Menschen produziert werden und im besten Fall auch von ihnen mitgestaltet werden kann. Ist das auch für Sie ein Bedürfnis?

Dr. Mahrer: Qualität geht eindeutig vor Quantität. Ich bin ein Fan echten und ehrlichen Handwerks. Hinter jedem individuell angefertigtem Produkt steht auch immer eine ganz persönliche Geschichte, eine besondere Idee, eine spezielle Kreativleistung.

Wir danken herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute!

Fotocredit: ©ACR-Schnür-Brunnbauer


*Optimale Losgröße = 1
Firmen die Just-in-Time-Systeme anwenden halten die Losgrößenbestände so klein wie möglich,
deshalb ist die optimale Losgröße 1.

Kleine Losgrößen sind aus drei Gründen wichtig:
– Durch kleine Losgrößen wird die Umschlagshäufigkeit der Bestände reduziert und erhöhen den Durchsatz.
– Durch kleine Losgrößen werden die Wiederbeschaffungszeiten reduziert, was wiederum zu einer Verringerung der Bestände im Prozeß (WIP) führt.
– Kleinere Lose helfen, auch aufgrund besserer Übersichtlichkeit, eine gleichmäßigere Auslastung der Arbeitsprozesse zu erreichen. Große Losgrößen tendieren dazu große Mengen an relativer Bearbeitungszeit zu repräsentieren und halten die Aufstellung von uniformen Losen an den Arbeitsstationen auf, kleine Losgrößen können effektiver ausbalanciert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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