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Wachstumsimpulse, Nachhaltigkeit + handwerklicher Ethos

manufakturLab ist seit knapp einem Jahr online. Wir haben das zum Anlass genommen, über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen nachzudenken und auch speziell im Hinblick auf Handwerk, wie wir es kennengelernt haben, zu befragen. Dazu haben wir Sighard Neckel zum Gespräch gebeten.
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Ausgangspunkt für unser Gespräch war der von Prof. Neckel im März dieses Jahres am Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen gehaltene Vortrag über Burnout – Das gesellschaftliche Leid der Erschöpfung. Hier wurde der Ausblick skizziert, Burnout könne als subjektives Phänomen einer Krise des ökonomischen Wachstumsregimes auch als Beginn eines sozialen Wandels verstanden werden und zur Herausbildung einer neuen Rechtfertigungsordnung des Kapitalismus beitragen, „die unter dem Leitbegriff der ‚Nachhaltigkeit’ verspricht, schonender auch mit subjektiven Ressourcen umzugehen“ (http://www.iwm.at/events/event/burnout/).

m/l: Herr Professor Neckel, vielen Dank, dass Sie sich zu dem Gespräch bereit erklärt haben.
Im vergangenen Jahr wurde manufakturLab ins Leben gerufen, eine Informations- und Vernetzungsplattform für innovatives Handwerk und Manufakturen. Wir unterstützen/beraten/vernetzen HandwerkerInnen, die mit innovativen Geschäftsideen, oftmals der Verbindung alter Techniken mit neuester Technologie, Handwerk 3.0 sozusagen, reüssieren möchten.
Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Sharing Economy sind Schlagworte, mit denen wir stetig konfrontiert sind, da sie oftmals Teil der unternehmerischen Konzepte sind.
Kürzlich fand in Wien der „Gutes Leben für Alle“ – Kongress, veranstaltet von der Wirtschaftsuniversität, statt, und ebenso wie einige der Vorträge während des Kongresses hat mich Ihre Erzählung über die Zukunftswünsche junger Stipendiaten in der Frage bestärkt, ob dieses Szenario einer veränderten Wirtschaft, weg vom Kräfte zehrenden Wettbewerb hin zu Nachhaltigkeit und bewusstem Leben, nicht eigentlich ein Luxusproblem ist? Was ist mit denjenigen, die nicht in der Lage sind, auf etwas zu verzichten? Wie sieht Ihre Einschätzung aufgrund Ihrer Forschungen aus?

Sighard Neckel: Tatsächlich ist dies nur für wenige Bevölkerungsgruppen möglich, weil die meisten darauf angewiesen sind, über Arbeitsmärkte ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wo es Arbeitsmärkte gibt, herrscht Konkurrenz um Jobs, und man ist gezwungen, sich in Wettbewerbssituationen zu begeben, zumal dann, wenn man auf den Arbeitsmärkten immer weniger berufliche Sicherheit, finanzielle Sicherheit und Beschäftigungssicherheit findet.
Die einfache Losung: raus aus dem Wettbewerb, raus aus der Konkurrenz, raus aus der Wachstumsökonomie ist deshalb für viele nicht möglich, im Besonderen dann nicht, wenn es Abhängigkeiten gibt, Familien, um die man sich kümmern muss, und so fort. Das ist ja einer der Hintergründe dafür, warum es dieses weit verbreitete Leiden am Wettbewerb gibt, an diesen Imperativen der permanenten Verbesserung.
Es hat zu allen Zeiten aber immer auch Avantgarden gegeben, Lebensexperimente, die von Minderheiten ausgegangen sind, von Aussteigern, würde man heute vielleicht sagen. Diese hatten oftmals eine Rückwirkung auf die Gesellschaft im Ganzen. In meinem Vortrag hatte ich ein Bilderpaar gezeigt: einerseits ein Szenario, das wir sofort mit Frankfurt verbinden: die Börse, der Umsatz von Millionen von Euro in Nanosekunden. Auf der anderen Seite eine Straßensituation, eine Kleinstwohngemeinschaft in einem alten, ganz unmodernen 1950er Jahre Geschäft, die auf dem Platz vor dem Laden den „Happy Germany Platz“ eröffnet hat und dort, vor allem bei schönem Wetter, neben allen möglichen Aktivitäten im Freien ihre Muße und auch ihre Lust an der Muße zeigt.
Die Rückwirkung experimenteller Minderheiten, von der wir gesprochen haben, kann zumindest auf der Ebene der Reflexion stattfinden. D.h. solche Initiativen, ob jene auf dem besagten Foto oder vergleichbare andere, stellen die Normalität, stellen Selbstverständlichkeiten und Routinen in Frage.
Sie werfen die Frage auf: Wozu tue ich das eigentlich alles? Dass solche Sinnfragen artikuliert werden und ein Medium finden, dafür sind Initiativen von den Rändern aus durchaus wichtig. Man kann nie wissen, welche Rückwirkungen sie haben, das weiß man vielleicht erst in vielen Jahren. Begegnungen und Kongresse, wie jener in Wien, sind daher nicht unwichtig.

Einswerden mit der Tätigkeit, die man ausübt,...

 m/l: Ich habe mir das Schlagwort der „Wieder-Entfremdung“ von der Arbeit notiert und frage mich, ob das auch für das Handwerk gilt? Weiters würde mich interessieren, wie sehr Handwerk eine Kraft für regionale Entwicklung sein kann? Wir haben im vergangenen Jahr viele überaus reflektierte und engagierte Projekte kennengelernt, die durch den Enthusiasmus ihrer InitiatorInnen immenses Potenzial haben.

 S.N.: Zu Ihrer Frage nach der Verbindung von Handwerk und Regionalität: Ich glaube, es gibt überall im Augenblick so etwas wie einen neuen Regionalismus, gerade auch in den Bereichen von Produktion und Konsumtion. Ein solcher Regionalismus kann auch dazu beitragen, dass die Gefährdungen von Selbstausbeutung und einer übertriebenen Selbstrationalisierung bei wirtschaftlichem Erfolg begrenzt werden können. Begrenzte Märkte haben immer auch eine Dimension von Subsistenz – es wird so viel erzeugt, wie tatsächlich benötigt wird. Regionen, für die man produziert, haben die Eigenschaft, dass es begrenzte Märkte sind, was den Wachstumsimpuls in Grenzen hält. Dieser Wachstumsimpuls ist es ja, der uns dazu führt, uns selbst beständig zu rationalisieren, immer mehr aus uns herauszuholen.
Im idealen Fall würde ich mir vorstellen, dass Handwerk die Möglichkeit bietet, tatsächlich nicht in der Arbeit aufzugehen. Das Handwerk ist zwar ein wichtiges Moment in der Identität der Personen, die es ausüben, aber es ist sicherlich nicht wünschenswert, dass Menschen, so wie in der ständischen Gesellschaft, einfach mit der Form ihrer Tätigkeit identisch werden.
Dieses Einswerden mit der Tätigkeit, die man ausübt, ist heute ein wichtiges Organisationsprinzip moderner kapitalistischer Arbeit ist. Aber im Grunde ist es ein Rückfall, da wir in der modernen Gesellschaft die Freiheit errungen haben, eine Identität zu entwickeln jenseits dessen, was wir tun.

m/l: An der New Design University in St. Pölten, Niederösterreich, wird seit etwa zwei Jahren ein Kurs angeboten, der sich „Handwerk und materielle Kultur“ nennt. In einer Zusammenarbeit mit dem Soziologieinstitut der Universität Wien werden Interviews mit HandwerkerInnen geführt, um deren Werdegang, Arbeitsphilosophie und Wertehaltungen kennenzulernen. Daraus sollen Schlüsse gezogen werden, was es an Ausbildung braucht und was Handwerk heute bedeutet.
Haben Sie eine Wahrnehmung der Situation in Deutschland? Gibt es einen Diskurs, ist Handwerk öffentlich präsent? In Österreich durchsetzt ein gewisses Bild von Handwerk im Augenblick die Gesellschaft, es wird damit geworben, vom Möbelhaus bis zur Tageszeitung.

S.N.: Was häufig in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist insbesondere die Ausbreitung einer Art Subsistenzökonomie privater Prägung. Es gibt eine jüngere Generation, die wieder Früchte einkocht, die versucht, einen Teil der Lebensmittel selber herzustellen. Das wird manchmal auch karikiert als „neuer Biedermeier“: man entdeckt die Häuslichkeit, die Eigenarbeit zur Verschönerung und Anreicherung der eigenen Existenz. Das ist sicherlich eine neue kulturelle Entwicklung.
Nüchtern soziologisch betrachtet ist das, was das Handwerk früher war, heute vielfach verallgemeinert als das „Do it yourself“ der Heimwerker. Demgegenüber wird heute das Handwerk als Gewerbe häufig in die Nähe des gehobenen Konsums gestellt, ein Segment, für das vielleicht als Marke Manufactum steht: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“, Sie kennen ja vielleicht diesen Slogan.
D.h. es gibt verschiedene Bereiche, in denen sich handwerklicher Ethos heute repräsentiert. Der eine ist sicherlich das Konsumsegment einer bürgerlichen Mittelschicht, die gerne handwerkliche Produkte ihr Eigen nennen. Das zweite ist die Popularisierung des Handwerks in der Eigenarbeit von Heimwerkern. Das hat gerade nichts mit Konsum zu tun, sondern mit eigener Arbeit, insbesondere um das Lebensthema des eigenen Hauses. Das dritte Segment ist die manchmal als biedermeierlich bezeichnete Selbstproduktion von Lebensmitteln und Dingen des täglichen Gebrauchs, insbesondere bei einer jüngeren Generation, die sich wirtschaftlich etwas stärker aus dem Konsumbereich verabschiedet.

...aus einer gewissen Not eine Tugend gemacht, ...

m/l: Wird diese jüngere Generation so eingeschätzt, dass sie Zukunftspotenzial hat, im Sinne von Kraft, etwas zu bewegen? Wir haben etliche Projekte kennengelernt, bei denen spannende Dinge mit sozialem Anspruch entstehen. Ruffboards ist ein Beispiel, hier entstehen neue Produkte, Skateboards, durch die Verarbeitung abgelegter Konsumgegenstände (Snowboards), u.a. unter Einbeziehung eines Resozialisierungsprogramms für Strafgefangene.

S.N.: Eine Tendenz, die ich im Handwerk wahrnehme, ist es, sozusagen aus dem Abfall, aus Relikten der Wegwerfkultur, neue Produkte herzustellen. Wodurch gewissermaßen die Nachhaltigkeit zu einem Prinzip der handwerklichen und auch der künstlerischen Gestaltung wird. Getragen wird dies von einem kulturellen Vorbehalt gegen das ständig Neue, gegen das neu Produzierte, weil es einen solchen Überhang an alt gewordenen Gegenständen gibt, der gewissermaßen danach verlangt, weiter verwendet zu werden und eine neue Kreativität freizusetzen. Die langen Jahrzehnte des Wirtschaftswachstums und des Friedens in Europa haben dazu geführt, dass es einen Überhang von Gebrauchtem gibt, das neu verwendet werden kann. Für mich scheint es kein Wunder zu sein, dass gerade eine jüngere Generation aus diesem Überhang heraus versucht, einen neuen kulturellen Stil zu entwickeln. Zumal diese jüngere Generation selber eine Ökonomie der Bescheidenheit lebt, weil sie nicht mehr auf große Einkommen zurückgreifen kann. So wird aus einer gewissen Not eine Tugend gemacht, und zudem verbindet sich mit der Produktionsweise, aus Altem etwas Anderes neu zu machen, auch so etwas wie eine Wachstums- und Konsumkritik. Während die 1980er/90er Jahre stark von neuen Formen des Konsums geprägt waren, sind die Jahre seit der Finanzkrise 2008 Jahre der Konsumkritik.

m/l: Zu diesem Stichwort meine abschließende Frage: Wie kann es weitergehen mit dem ewigen Wachstum? Wo steuert es hin, wenn die Wirtschaft so aufgebaut ist, dass sie wachsen muss, damit das System funktioniert?

S.N.: Meines Erachtens ist die Wachstumsgesellschaft eine Gesellschaft des Wachstums von Schäden. Ökonomisches Wachstum wird erkauft mit einem dramatischen Anstieg schädlicher Folgen. Das betrifft auf der einen Seite unsere ökologischen Lebensgrundlagen, auf der anderen Seite aber auch soziale Ressourcen, wie Nachbarschaft, Community, gewisse Formen der Solidarität, der Gemeinschaftlichkeit, die unter dem ewigen Wettbewerb und dem Postulat ständigen Wachstums leiden.
Das Schadenswachstum betrifft aber auch jenen Schaden, den sich die Personen selber zufügen, wenn sie sich einer Wettbewerbsgesellschaft bedingungslos ausliefern. Und Burnout, das war ja der Beginn unserer Diskussion, ist ein Beispiel dafür, welche subjektiven Beschädigungen auftreten, wenn es beim Wirtschaftswachstum um jeden Preis keine Stoppregel gibt.

Sighard Neckel ist Universitätsprofessor für Soziologie mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung.

Das Interview mit Prof. Dr. Sighard Neckel wurde am 12.5.2015 via skype geführt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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