Magazin

Blick durch die Lupe auf die Seele der Uhr

Uhrmachermeister (Karl ?) Hofer in Wien 1, Schulhof 2Sie sind Meister der Präzision und gerne Eigenbrötler: Uhrmacher erleben seit der Renaissance der mechanischen Zeitmesser frischen Aufwind. Dennoch fehlt es in Österreich an Nachwuchs. Über knifflige Aufträge und die Liebe zu kleinen Mucken.
Suche den Fehler dort, wo du schon einmal repariert hast. Das hat mein Großvater gern gesagt.“ Gerhard Hofer beugt sich über den alten Holztisch und tastet mit seiner Pinzette und ruhiger Hand über winzige Schräubchen, Federn und Rädchen. Gut 200 Teile werde die 200 Jahre alte Biedermeier-Uhr, die er zuvor Stück für Stück zerlegt hat, wohl haben, sinniert der Uhrmachermeister.

Eineinhalb Tage widmet er sich ihrer Reparatur, die Lupe ist auch bei großen Werken wie ihrem sein ständiger Begleiter. Anders als seinen Lehrherrn, den Großvater, hat es ihn nie gereizt, an eigenen Mechaniken zu tüfteln. Ihn fasziniere die Genialität alter Meister, die in vielen historischen Uhren stecke, sagt Hofer. Jede für sich sei individuell. Ihre Eigenheiten zu finden und kleinen Mucken zu pflegen; die Freude an schönen Gegenständen, die es wieder in Gang zu bringen gilt, das sei es, was ihm die Arbeit lieb werden lässt. „Sie müssen, um Uhren zu verstehen, über sie drüberstreichen, die Rundungen und Spitzen erfühlen.“
Außerdem sei er ein Eigenbrötler, sagt Hofer und lacht. „Ich liebe Dinge, die ich alleine machen kann.“ In dritter Generation führt er den gleichnamigen Handwerksbetrieb, der jüngst den 100. Geburtstag beging. Über die Pflastersteine vor seiner Werkstätte in der Wiener Innenstadt klappern die Hufe der Fiakerpferde, drinnen ist hinter meterdicken Gewölbemauern nur leises Ticken der Uhren zu hören.
Uhrmachermeister (Karl ?) Hofer in Wien 1, Schulhof 2

Hofer klopft sanft auf eine englische Barockuhr, die fast 250 Jahre auf dem Gehäusebuckel hat. „Sie wurde in die Kolonien mitgenommen, ihr Holz ist sagenhaft leicht.“ Daneben ein Regulator – eine Wanduhr mit geteiltem Ziffernblatt und Steinpendel aus gepresstem Quarz, die auch bei Wärme und Kälte präzise den Takt hält. Ganz anders als manche Funkuhr, die sich unterm Einfluss der Langwellen rundum schwer einstellen lasse. „Viele Betriebe greifen da lieber nicht hin.“
Im Alter von 15 ist Hofer in den Familienbetrieb eingestiegen. So gerne hätte er zuvor noch wie sein Großvater auf der Walz die weite Welt bereist. Aber die Eltern wollten, dass sich die Kunden an das Gesicht des Juniors gewöhnen, also ist er geblieben. Seine Spezialität wurde das Restaurieren antiker Uhren. Einen guten Monat etwa hat er im Auftrag der Wiener Hofburg an einer Uhr Maria Theresias gefeilt. „Eine knifflige Sache. Da sind Herz und Hirn gefragt.“

Reparieren statt bauen
Wien zählt rund 80 Uhrmachermeister. Bis zu 200 waren es vor noch zwei Jahrzehnten. Korrekterweise müssten sie Zeitmesstechniker heißen, sagt Johannes Barotanyi, aber das sei ein fürchterlicher Begriff, von dem er gar nicht wissen wolle, wer ihn sich ausgedacht habe. Barotanyi bringt seit 35 Jahren Uhren aller Art wieder zum Ticken und vertritt die Branche als Fachgruppenmeister.
Echte Uhrmacher, die Uhren in kleinster Stückzahl für Kenner und Liebhaber fertigen, gibt es österreichweit nicht mehr als eine Handvoll, erzählt er. In Völkermarkt produziert etwa Familie Habring unter eigenem Namen maximal zwölf Armbanduhren im Jahr in Handarbeit. Im Weinviertel hat sich Christian Umscheid mit der Marke Montre Exacte der hohen Kunst und Technik verschrieben. Ansonsten wird in Österreich vorwiegend repariert und gepflegt.
Die Renaissance der mechanischen Uhren hat der kleinen Branche in den vergangenen zehn Jahren viel Aufwind verliehen, sagt Barotanyi. „Für gute Uhrmacher findet sich immer noch ein Platz.“

Doch auch wenn mit dem Handwerk gutes Geld zu verdienen ist – was fehlt, sind Lehrlinge. Sechs gibt es derzeit in Wien. Die Uhrmacherlehrwerkstätte in der Bundeshauptstadt wurde vor Jahren geschlossen. Um den Nachwuchs kümmert sich seither der Verein Jugend am Werk in Zusammenarbeit mit zwei Berufsschulen in Wien und Karlstein. Den Weg in die Selbstständigkeit oder in kleine Betriebe gehen aber nur wenige Absolventen. Die meisten zieht es früher oder später in die internationale Uhrenindustrie, bedauert Hofer. „Warum sich Selbstständigkeit antun, wenn man sich anderswo, umworben von großen Firmen, mit den teuersten Uhren umgeben kann und laufend geschult wird?“
Hofer hatte selbst einst Lehrlinge. Doch um diese aus seiner Sicht angemessen auszubilden, brauche es einen guten Meister, der die halbe Zeit für sie aufwende. Immer wieder habe er selbst vor den Augen des Großvaters Uhren auseinandergenommen und wieder zusammengebaut, erinnert sich der 67-Jährige. Für kleine Handwerksbetriebe aber sei das finanziell heute kaum zu bewältigen.
Was Gehilfen der Zeit, die ihr einen angemessenen Rahmen verleihen, diese lehrt? „Kein von ihr Getriebener zu sein.“
Verena Kainrath

Mit herzlichen Dank an Der Standard für die zur Verfügungsstellung dieses Beitrages.

Fotocredit: Matthias Cremer

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s