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Porzellan, ein Material mit Persönlichkeit

In meiner Werkstatt zu experimentieren, ist für mich Freiheit und Luxus pur.

Zu meinem zweiten Beruf, in dem ich mittlerweile seit 9 Jahren glücklich arbeite, bin ich eigentlich aus einer Verlegenheit heraus gekommen. Ursprünglich wollte ich die Kunstschule für Keramik besuchen, ließ mich dann aber von einer Freundin zur Aufnahmeprüfung an der Universität für angewandte Kunst überreden. So studierte ich Produktgestaltung und kam dort erstmalig mit dem Material Porzellan in Berührung.

Zuerst muss man vielleicht ein bisschen das Material erklären, die Geschichte erzählen. Porzellan ist ein Kunstprodukt und wurde zuerst in China verarbeitet. In Europa kam man über Umwege zum Porzellan, durch die Alchemie, beim Versuch Gold zu erzeugen entstand Porzellan und wird daher auch das weiße Gold genannt. Marco Polo brachte schließlich die chinesische Rezeptur nach Europa. Mittlerweile hat jede Manufaktur „ihre Rezeptur“ und hütet diese wie einen Augapfel. Wir verwenden eine französische Rezeptur, da sie sehr fein, durchscheinend und widerstandsfähig und daher auch alltagstauglich ist.

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Die Verarbeitung ist im Gegensatz zu Ton wesentlich anspruchsvoller. Der Werkstoff Porzellan ist ein bisschen eine „Zicke“ oder besser gesagt Porzellan hat eine eigene Persönlichkeit, die man den Produkten im besten Fall auch ansieht. Das kommt daher, dass Porzellan im Gegensatz zu Ton einen sehr hohen Schamotteanteil hat und die winzigen Quarz-Plättchen sehr sensibel reagieren. Das heißt das Material erlaubt keinen „Fehler“:  z.B. eine Delle zwar im Rohzustand geglättet oder ausgebessert werden, ist aber nach dem Brennen wieder sichtbar. Was ganz wichtig zu beachten ist, Porzellan schwindet um bis zu 15% beim Brennvorgang. Überhaupt dauert der gesamte Prozess bis das Objekt fertig ist – kurz erklärt: das Produkt wird in Gipsformen gegossen, retouchiert und danach rohgebrannt, geschliffen und nach dem Glasieren zum zweiten Mal bei ca.1255°C gebrannt – ca. sieben Tage.

Von Anfang an war mein Anspruch an das Handwerk zwar sehr hoch, aber es sollte doch leistbar bleiben. Wenn das Produkt nicht mehr im bezahlbaren Bereich liegt, ist das für mich ein Widerspruch. Ich finde meine Objekte sollen im Alltag mit gutem Gefühl verwendet und gebraucht werden und nicht nur zu Feiertagen oder gar nur als Deko-Objekt fungieren.

Aber auch die Sehnsucht etwas zu schaffen, sichtbar zu machen und der Stolz wenn es gelingt und von den Kunden geschätzt wird oder einfach sich etwas zu trauen spielt für mich in der Wahl ein Handwerk zu erlernen oder auszuüben mit hinein. Ein kleines Beispiel aus meinem Alltag, wir waren die ersten die sich getraut haben, Porzellan schwarz einzufärben, da das bisher unmöglich war. Nach vielen Stunden und Rückschlägen ist es uns gelungen und sieht fantastisch aus. Manufakturen die im „high-end“ Bereich arbeiten, können sich solche Experimente nicht leisten, da das viel zu aufwändig ist und auch zu teuer.

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Da kommen wir auch zum Image unter dem das Handwerk leider immer noch leidet. Ich finde um ein Handwerk gut ausführen zu können, benötigt es Hirnschmalz, Können, Wissen, die Liebe zur „Langsamkeit“ und Mut auch neue Wege zu beschreiten. Es muss erhalten und weitergegeben werden, davon bin ich ganz überzeugt.

Ich erlebe das ja ständig in meiner Sparte. Die Porzellanherstellung funktioniert nicht ohne die sogenannten Formenbauern. Leider gibt es in Österreich defacto nur mehr sehr wenige Formenbauer. Ich habe zum Glück Anton, mein Mentor im Hintergrund. Mit ihm habe ich schon unzählige Stunden herumexperimentiert und viel Know How und Tricks die die Verarbeitung erleichtern und verbessern, erhalten. Mit ihm stirbt eine Zunft aus und ein großes und „teures“ Wissen geht damit verloren. Dieses ist aber unerlässlich für die Bearbeitung von Porzellan, da Porzellan gegossen wird und nicht gedreht wie Ton.

Noch einmal zum Weitergeben von Wissen und der damit verbunden Lehrlingsausbildung: Meiner Meinung nach sollte in diese Richtung noch viel mehr getan werden. Lehre mit Matura ist ja schon ein großer Schritt, aber es geht auch darum, den jungen Menschen die Vielfältigkeit und die Wichtigkeit dieser Berufe sichtbar zu machen. Kein Architekt kann ohne seine Professionalisten etwas machen. Oder ganz ein anderes Beispiel: zB. Köche haben meinen ganzen Respekt, wenn man da genauer hinschaut, was da für ein Wissen, Können, Liebe und Bauchgefühl dazugehört, ist ein Wahnsinn. Aber auch in der Pharmazie geht es „back to the roots“. Die junge Generation der Apotheker kommt immer mehr davon ab, einfach nur Tabletten zu verkaufen, sie besinnen sich wieder auf Ihre ursprüngliche Tätigkeit wie zB das herstellen und mischen von Tinkturen usw. Ein wunderschönes Beispiel ist da für mich die Saint Charles Apotheke in der Gumpendorferstraße.

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Allerdings sollten die Rahmenbedingungen einen Handwerksberuf zu erlernen und auch zu lehren überdacht werden.

Mein zu Anfang genanntes Mantra „Jetzt oder Nie“ hat mich auch dabei unterstützt mein kleines 30 m2 Geschäft gegen 340 m2 einzutauschen und ich bin über diese Entscheidung total happy. Was mir ganz wichtig bei der Vergrößerung meines Geschäftes war ist, dass auch hier die Werkstatt für die Kunden sichtbar und zugänglich ist. Über diesen Weg können die Menschen eine Beziehung zu den Objekten aufbauen, den Produktionsprozess beobachten und schätzen den Wert der Handarbeit und den Preis.

Mein Wunsch: Sehr förderlich fände ich den Austausch zwischen traditionellen Manufakturen und  kleineren Werkstätten, für beide Seiten wäre es interessant und es könnten überaus innovative Projekte entstehen. So gesehen sind die Messebesuche zB in Paris für mich sehr spannend. Ein Messeauftritt ist zwar anstrengend aber auch ein Pool an Innovation, Wissen und Austausch.

Sandra Haischberger

Kontakt:
Shop und Atelier, Margaretenstrasse 35, 1040 Wien
+43 . 699 10 100 177, mailto: sandra@feinedinge.at, http://www.feinedinge.at

 

 

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